Historisches

Die Wiener Singakademie wurde als erste gemischte Chorvereinigung Wiens im Jahre 1858 zum Zwecke einer „Singübungsanstalt“ gegründet. Von Beginn an war das Repertoire vor allem durch zwei Schwerpunkte geprägt: die Pflege der traditionellen Meister einerseits und die Einbeziehung zeitgenössischer Werke andererseits.
Schon bald entwickelte sich die Wiener Singakademie zu einer fixen Größe im Wiener Konzertleben. 1862 wurde schließlich der junge Johannes Brahms als Chorleiter nach Wien geholt, in die Stadt, die er fortan als seinen Lebensmittelpunkt ansehen sollte.

Im Laufe der Jahre wuchs der Kreis der Dirigenten, die vorrangig mit dem Chor zusammenarbeiten wollten, darunter vor allem Gustav Mahler, Richard Strauss und Bruno Walter (er übernahm selbst für einige Jahre die Chorleitung). Weiters traten viele namhafte Komponisten ans Dirigentenpult, um ihre Werke gemeinsam mit der Wiener Singakademie in Erstaufführungen dem Wiener Publikum zu präsentieren. Edvard Grieg, Anton Rubinstein und Pietro Mascagni leisteten so in den ersten Jahrzehnten des Bestehens der Wiener Singakademie ihren Beitrag zur Wiener Musikgeschichte.

Nach 55 Jahren als freier Chor erhielt die Wiener Singakademie im Jahre 1913 mit der Eröffnung des Wiener Konzerthauses endlich ihre langersehnte Heimstätte. Eingebunden in die Wiener Konzerthausgesellschaft etablierte sich der Chor als wichtiger Partner des Hauses und musste in seiner regen Konzerttätigkeit nur während der beiden Weltkriege Einschränkungen hinnehmen.

So aber wie die Stadt Wien selbst begann auch der Chor im Jahre 1945 wieder zu leben, und die neue Aufbauarbeit mündete in den 50er- und 60er-Jahren unter der Führung Hans Gillesbergers in eine künstlerische Hochphase, die in punkto Chorreisen, Programmvielfalt, große Dirigentenpersönlichkeiten und Aufführungsqualität keine Wünsche offen ließ. Mitverantwortlich für diese Entwicklung waren in der Frühzeit Wilhelm Furtwängler und Paul Hindemith, weiters Karl Böhm und Hans Svarowsky, aber auch der junge Lorin Maazel.

Mit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Agnes Grossmann 1983 stand erstmals eine Frau an der Spitze der Wiener Singakademie. Durch Grossmann wurde besonders der Akademie-Gedanke neu belebt. Ihr Konzept, das Stimmbildung und musikalische Schulung für die Chormitglieder in den Vordergrund stellte, wird bis heute gelebt.

Unter Konzerthaus-Generalsekretär Alexander Pereira Mitte der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre und in weiterer Folge unter seinem künstlerischen Leiter Herbert Böck erfuhr der Chor eine weitere Aufwertung seiner Stellung im Wiener Konzerthaus. So kann man auf eindrucksvolle Zusammenarbeit mit großen Künstlern wie Georges Prêtre, Yehudi Menuhin, Claudio Abbado, Sir Roger Norrington, John Eliot Gardiner, Sir Simon Rattle und Kent Nagano zurückblicken.

1998 übernahm Heinz Ferlesch die künstlerische Leitung der Wiener Singakademie: Als einer der am längsten dienenden Leiter prägt er den Stil des Chores, und baute gemeinsam mit ihm ein Programm zur Unterstützung und Förderung junger Künstlerinnen und Künstler auf. Dazu zählt nicht nur die konsequente Aus- und Weiterbildung der Chorsängerinnen und -sänger, sondern auch die Einbindung junger, aufstrebender Solisten und Ensembles in die Konzertprogramme. Durch Innovation und größere Vielfältigkeit in der Gestaltung des Programms unter Konzerthaus-Generalsekretär Christoph Lieben-Seutter, in das auch die Wiener Singakademie verstärkt eingebunden wurde, erstreckt sich das Repertoire des Chores mittlerweile über ein breites Spektrum der Musikgeschichte: von Bachs „Johannespassion“ unter Ton Koopman zu Brittens „War Requiem“ unter Simone Young, von Verdis „Messa da Requiem“ unter Franz Welser-Möst zu Scelsis „Konx-Om-Pax“ unter Ingo Metzmacher. Immer wieder steht Heinz Ferlesch auch selbst am Dirigentenpult und führt „seinen“ Chor durch A-cappella-Literatur und barocke Chor-Orchester-Werke. Zwei Höhepunkte in diesem Zusammenhang waren die Aufführungen von Händels „Judas Maccabaeus“ im Herbst 2006, deren Aufnahme in Zusammenarbeit mit dem ORF in eine international beachteten CD-Produktion mündete und Bachs Matthäuspassion zum 150. Jahresjubiläum des Chores im Frühling 2008. Der Pflege zeitgenössischer Werke geneigt zeigt sich die Wiener Singakademie mit einer Reihe von Aufführungen wie etwa Helmut Jasbars The King Arthur Seance – On Henry Purcell’s Shoulders im Theater an der Wien (ebenfalls mit Heinz Ferlesch am Dirigentenpult). Im Ausland konnte die Wiener Singakademie mit Daphnis und Chloé mit dem Philharmonisch Orkest Rotterdam und Yannick Nezet-Seguin reüssieren. Beachtet wurde auch Aribert Reimanns durchaus anspruchsvoller Prolog zu Beethovens 9. Sinfonie auf einen Text von Friedrich Schiller zum 100. Jubiläum des Konzerthauses 2013 unter Gustavo Dudamel.

Neue Wege abseits der großen Chor-Orchester-Literatur beschreitet die Wiener Singakademie mit der Gründung des Wiener Singakademie Kammerchores im Jahr 2006: Das Ensemble, bestehend aus Mitgliedern der Wiener Singakademie, hat sich zum Ziel gesetzt, die musikalische Basis des Chorsingens – den A-cappella-Gesang – zu pflegen und zu stärken. Über die Pflege der A-cappella-Literatur hinaus wird das Spektrum um die wertvollen Vokalwerke, welche eine kleine Besetzung erfordern, erweitert. Erste Erfolge konnte der Wiener Singakademie Kammerchor im Juli 2007 mit einem 2. und einem 4. Platz beim Internationalen Chorwettbewerb in Spittal/Drau erzielen. Für die Jubiläumssaison 2008 wurde ein Kompositionsauftrag an Christian Mühlbacher vergeben. In der Presse wird der Enthusiasmus, das Engagement und der Sound der Wiener Singakademie ebenso gelobt, wie die Disziplin gepaart mit einer stets guten Einstudierung.

Eine Übersicht aller von der Wiener Singakademie seit ihrer Gründung aufgeführten Werke finden Sie im Konzertarchiv.